U42 Das Lied des alten Hauses
Halloween mal anders: Joachim „Jockl“ Schulze liest seine eigene Kurzgeschichte über ein altes Haus, singende Ölöfen und Erinnerungen eines fiktiven Protagonisten.
31.10.2026 24 min
Zusammenfassung & Show Notes
Hörgeschichte zu Halloween und Reformationstag: eine selbst geschriebene Kurzgeschichte, gelesen von Joachim „Jockl“ Schulze – zum Zuhören und Abschalten für blinde, sehbehinderte und alle hörenden Menschen.
Halloween heißt für die meisten Kürbisse, Verkleidung und Gruseln. In Sachsen und einigen anderen Bundesländern ist dieser Tag aber Reformationstag, und im Süden folgt am Tag danach Allerheiligen. Deshalb liest dir Joachim „Jockl“ Schulze eine Geschichte vor, die er selbst geschrieben hat: keine zum Gruseln, sondern rund 21 Minuten innere Einkehr.
Ein 40-jähriger Anwalt fährt an einem Freitag im Januar mit seinem alten Mercedes 190 D durch den Schnee von München nach Hause, in ein graues Haus von 1955 in Seesen. Dort heizt er die drei Ölöfen an, kocht mit Vorräten aus der Kühltruhe und versinkt in Erinnerungen an seine Mutter, seinen Vater und eine nicht immer leichte Kindheit. Eine Geschichte voller Geräusche und Gerüche, die du beim Zuhören fast spüren kannst.
Was du in dieser Folge mitnimmst:
Eine eigene Kurzgeschichte von Jockl, von ihm selbst gelesen
Innere Einkehr statt Halloween-Grusel
Starke Klangbilder: brummender Diesel, singende Ölöfen, knarrende Dielen
Eine Geschichte über Erinnerung, Zuhause und ein altes Haus
Kapitel:
00:00 Halloween, Reformationstag, Allerheiligen
01:16 Smütech-Jingle
01:50 Das Lied des alten Hauses beginnt
03:08 Im Schnee auf der A7
06:44 Ankunft in Seesen
09:15 Der Kampf mit den Ölöfen
11:52 Im Keller an der Kühltruhe
13:26 Kochen und Kindheitserinnerungen
15:22 Die Fensterläden schließen
17:52 Erinnerungen an den Vater
19:43 Das Fichtennadelbad
21:57 Einschlafen im alten Haus
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Hashtags: #Smütech #SchulzeIT #Kurzgeschichte #Hörgeschichte #Halloween #Reformationstag #Vorlesen #Blind
Halloween heißt für die meisten Kürbisse, Verkleidung und Gruseln. In Sachsen und einigen anderen Bundesländern ist dieser Tag aber Reformationstag, und im Süden folgt am Tag danach Allerheiligen. Deshalb liest dir Joachim „Jockl“ Schulze eine Geschichte vor, die er selbst geschrieben hat: keine zum Gruseln, sondern rund 21 Minuten innere Einkehr.
Ein 40-jähriger Anwalt fährt an einem Freitag im Januar mit seinem alten Mercedes 190 D durch den Schnee von München nach Hause, in ein graues Haus von 1955 in Seesen. Dort heizt er die drei Ölöfen an, kocht mit Vorräten aus der Kühltruhe und versinkt in Erinnerungen an seine Mutter, seinen Vater und eine nicht immer leichte Kindheit. Eine Geschichte voller Geräusche und Gerüche, die du beim Zuhören fast spüren kannst.
Was du in dieser Folge mitnimmst:
Eine eigene Kurzgeschichte von Jockl, von ihm selbst gelesen
Innere Einkehr statt Halloween-Grusel
Starke Klangbilder: brummender Diesel, singende Ölöfen, knarrende Dielen
Eine Geschichte über Erinnerung, Zuhause und ein altes Haus
Kapitel:
00:00 Halloween, Reformationstag, Allerheiligen
01:16 Smütech-Jingle
01:50 Das Lied des alten Hauses beginnt
03:08 Im Schnee auf der A7
06:44 Ankunft in Seesen
09:15 Der Kampf mit den Ölöfen
11:52 Im Keller an der Kühltruhe
13:26 Kochen und Kindheitserinnerungen
15:22 Die Fensterläden schließen
17:52 Erinnerungen an den Vater
19:43 Das Fichtennadelbad
21:57 Einschlafen im alten Haus
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Transkript
Die meisten Menschen verbinden Halloween mit sich gruseln, mit Kürbissen oder mit Kindern,
die als Monster verkleidet und geschminkt durch die Straßen ziehen.
Bevor diese Tradition über den großen Teich nach Europa schwappte,
da gab es aber auch ganz andere traditionelle Verbindungen mit diesem Tag.
Hier bei uns in Sachsen und einigen anderen Bundesländern handelt es sich um den Reformationstag
und im süddeutschen Raum,
da gibt es am Tag danach den großen christlichen Feiertag, nämlich Allerheiligen.
Und mich hat das Ganze dazu veranlasst,
euch heute mal eine Geschichte vorzulesen, die ich selbst geschrieben habe.
Allerdings ist es keine Geschichte zum Gruseln.
Ganz im Gegenteil, in den kommenden 21 Minuten geht es vor allem um innere Einkehr.
Ich wünsche euch jetzt viel Spaß mit „Das Lied des alten Hauses“,
geschrieben und gelesen von meiner Wenigkeit Joachim Schulze.
[Musik]
♪ Smütech, Smütech, Trends und Technik satt. ♪
♪ Endlich mal ein Podcast, der einfach alles hat. ♪
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Das Lied des alten Hauses.
Als Kind, als mein Kopf noch frei war und die Welt mich nicht mit ihrem Dauerrauschen lähmte,
konnte ich mich stundenlang in Gedankenspielen verlieren.
Ganze Nachmittage versanken in Welten, die nur mir gehörten.
Als Erwachsener habe ich diese Fähigkeit fast verloren,
aber an diesem Januarabend auf dem Weg nach Hause hole ich sie mir zurück, ohne es zu ahnen.
Ich sitze am Steuer meines Mercedes 190 D 2,5.
Ein Wagen, der ebenso wenig nach 2026 passt,
wie das Haus an der Hauptverkehrsstraße in Seesen, das ich bewohne.
Ein graues Haus mit rotem Ziegeldach,
Baujahr 1955. Mein Vater war ein stolzer Mann,
als er 1980 drei Ölöfen in Stube, Küche und Schlafzimmer einbauen ließ.
Die tun heute noch ihren Dienst und halten die Räume warm.
Das Bad und das Wasser werden elektrisch erwärmt.
Eigentlich hätte ich das Haus längst abreißen sollen.
Verkaufen ist sowieso unmöglich. So etwas will doch niemand.
Billiger als im Neubau zur Miete wohnen ist es dort auch nicht.
Trübe Gedanken umhüllen mich an diesem Januarnachmittag.
Heute früh bin ich in München bei minus vier Grad losgefahren, um halb neun.
Jetzt ist es Freitag, 16 Uhr. Ich bin irgendwo auf der A7 zwischen Kassel und Kaufungen.
Es hat wieder angefangen zu schneien. Wie kalt es ist, weiß ich nicht.
Ich weiß nur eins, ich hasse diese endlos lange Strecke.
Doch wenigstens ist es in meinem alten Diesel warm.
Der Fünfzylinder brummt tief und gleichmäßig.
Ein vertrautes Vibrieren kriecht durch den Sitz in meine Wirbelsäule und hält die Kälte draußen.
Die Scheibenwischer schlagen ihren langsamen Takt.
Wisch, Pause, Wisch. Jedes Mal, wenn sie nach oben fahren,
legt sich eine feine Schneeschicht auf die Windschutzscheibe und ist sofort wieder weg.
Die A7 ist hier fast leer. Nur vereinzelte rote Rücklichter weit voraus, die im Schneetreiben verschwimmen.
Im Innenraum riecht es nach Diesel, nach dem Lederpflegemittel,
das ich vor einem Monat aufgesprüht habe und nach dem leichten Hauch von Motoröl aus der Lüftung.
Die Heizung bläst trockene Luft gegen meine Beine.
Der Tacho zeigt 120. Der alte Mercedes liegt satt auf der Straße.
Kein Navi, nur das Brummen des Diesels und das leise Knacken,
wenn ich den Fuß vom Gas nehme und der Wagen kurz rollt.
Die Zeit vergeht hier drin langsamer als draußen.
Ich atme einmal tief ein. Erleichterung mischt sich mit Ungeduld.
Ich sollte längst wieder Pause gemacht haben.
Aber ich will einfach nur nach Hause. Kein Mensch würde mir in meinem weißen Norwegerpullover,
der grauen Cordhose und den Mokassins einen 40-jährigen Anwalt abnehmen.
Bis gestern Abend sah ich noch geschniegelt und gebügelt aus.
Gestern hatte ich den Prozess für meinen Mandanten gewonnen.
Und heute bin ich einfach wieder auf dem Weg zurück.
Zum Fahren trage ich lieber legere Kleidung.
Ich drehe das Radio an und betätige den Drehknopf der Senderskala,
bis NDR Niedersachsen aus den Lautsprechern klingt.
Der große, schwarze Drehknopf mit dem abgegriffenen silbernen Ring klickt unter meinen Fingern.
Ein sattes, mechanisches Geräusch.
Das Rauschen und Knacken der Frequenzen, das kurze Pfeifen, wenn der Zeiger über die Skala gleitet. Dann NDR.
Eine Frauenstimme singt von Liebe im Sommer, obwohl draußen alles weiß und Januar ist.
Die Lautsprecher im Armaturenbrett knistern leicht, der Bass ist ein wenig zu schwach.
Die Melodie legt sich über das Brummen des Diesels und den Takt der Scheibenwischer.
Ich weiß, wie gottsjämmerlich ich frieren werde, wenn ich nachher ins Haus komme.
Da ich allein lebe, wartet niemand auf mich.
Und ehrlich gesagt freue ich mich darauf:
den Kampf mit den Ölöfen, ein warmes Vollbad, meine volle Tiefkühltruhe.
Ich habe alles zu Hause, sodass ich das ganze Wochenende nicht mehr raus muss.
Gefrorene Brötchen, Fleisch, Kroketten, Gemüse, Kuchen, Fisch.
Ich staune, wie die Zeit verflogen ist.
Die Schilder nach Hannover tauchen auf.
Ich weiß um die Gefahren von Sekundenschlaf.
Aber ich habe ja nicht mehr weit, denke ich.
Die Hände liegen locker am Lenkrad.
Der Diesel brummt tiefer. Meine Augen brennen ein bisschen vom langen Starren in den Schnee.
Noch 20 Minuten bis zur nächsten Ausfahrt.
Vielleicht 30 bis nach Hause.
Die Abfahrt Seesen ist erreicht.
Jetzt sind es keine fünf Minuten mehr.
Ich rangiere den Wagen in die winzige Einfahrt zu meinem Haus.
Rückwärts, wie immer, so ist es beim Wegfahren leichter, auf die vielbefahrene Hauptstraße einzufädeln.
Als ich ein Kind war, hatte mein Vater mit seinem Mercedes 190 D 2,5 kein Problem mit der Einfahrt.
Da konnte sogar noch links und rechts ein Erwachsener am Wagen vorbei zum Haus laufen.
Doch seitdem hat der Nachbar seine Einfahrt verbreitert.
Die Stoßstange streift fast den alten Jägerzaun, den mein Vater 1982 noch selbst gezogen hat.
Heute ist alles enger geworden. Ich ziehe den Zündschlüssel.
Das Brummen des Diesels verstummt mit einem letzten, tiefen Seufzer.
Plötzlich ist es still.
Nur das leise Knacken des abkühlenden Motors und das Prasseln der Schneeflocken auf dem Dach.
Ich greife nach hinten, nehme die Tasche vom Rücksitz, das Leder der Henkel ist kalt geworden,
schwer von den Akten und dem, was ich aus München mitgebracht habe.
Die Tür öffne ich und die Kälte schlägt mir entgegen.
Der Schnee knirscht unter meinen Mokassins,
dringt sofort durch das dünne Leder und der Norwegerpullover fühlt sich auf einmal viel zu dünn an.
Drei Schritte zur Haustür. Der Schlüsselbund klirrt in meiner Hand.
Der alte, schwere Bund mit dem Messinganhänger, den mein Vater immer bei sich trug.
Das Schloss knackt zweimal, wie es seit 45 Jahren knackt, dann schwingt die Tür auf.
Ein Schwall ausgekühlter Luft kommt mir entgegen.
Es riecht nach zu Hause. Nach dem Putzmittel, das ich vor der Abreise benutzt habe,
nach dem leichten Ölhauch der ausgekühlten Öfen und nach dem Holz der Treppe. Ich trete ein.
Die Dielen knarren unter meinen Schritten, genau wie früher.
Die Flurleuchte summt leise auf.
Es ist schweinekalt. Die drei Ölöfen stehen in Stube, Küche und Schlafzimmer.
Kein Glühen, kein Knacken, keine Wärme.
Seit Montagmorgen aus. Mein Atem wird sofort sichtbar.
Aber es ist mein Haus. Mein altes graues Haus von 1955. Meine Eltern sind längst tot,
doch hier drinnen leben sie noch ein bisschen mit:
im Knarren der Dielen und im Geruch der Öfen.
Der Kampf mit den Ölöfen beginnt.
Ich tue genau das, was mein Vater immer gehasst hat.
Ich heize beide Öfen unten in Küche und Stube gleichzeitig an,
lasse die Türen offen und zünde dann den Ölofen im Schlafzimmer ebenfalls an, Tür sperrangelweit auf.
So heize ich das Haus seit vielen Jahren, seit ich hier allein bin.
In der Küche lege ich meine Tasche auf den geschrubbten Holztisch.
Den alten Kieferntisch meines Vaters, dessen Oberfläche so oft mit der harten Bürste bearbeitet wurde,
dass sie hell und glatt geworden ist.
Das Thermometer an der Wand zeigt 7 Grad drinnen, minus 4 draußen.
Eingefroren ist nichts, der Boiler auf 40 Grad hat sein Übriges getan.
Ich knie mich vor den Küchenofen, ziehe die Klappe auf, höre das vertraute Quietschen der Scharniere.
Der Geruch von Heizöl und kalter Asche steigt mir in die Nase.
Genau der Geruch, den mein Vater immer gehasst hat. Streichholz.
Die Flamme springt auf, gelb und hungrig.
Ich drehe die Luftklappe auf drei. Dann dasselbe in der Stube und oben im Schlafzimmer.
Alle drei Öfen auf Stufe drei. Türen weit offen. Rebellion pur.
Ich liebe den Gesang der Ölöfen.
Sie brauchen kein Holz, nur ein paar Liter Heizöl und dann stundenlang Wärme.
Viel mehr Wärme, als man vertragen kann.
Nach zehn Minuten ist das Gehäuse schon so heiß, dass man es kaum noch berühren kann.
Deshalb liebe ich diese Art zu heizen.
Jeder Ofen hat sechs Kilowatt und das Haus nur 100 Quadratmeter.
In 90 Minuten wird es überall 23 Grad haben, so wie es sein muss.
Es ist kein einfaches Knacken. Aus der Küche kommt ein tiefes, sattes Brummen und das leise Gluckern des Heizöls.
Die Stube antwortet mit einem volleren Ton.
Das Stahlgehäuse dehnt sich. Oben im Schlafzimmer summt es heller und weht die Treppe herunter.
Die kalte Luft im Flur weicht zurück.
Während der Gesang lauter wird, kommt die Erinnerung. Mein Vater.
Wie er mich als Kind jedes Mal mit der zusammengerollten Zeitung auf den Hinterkopf schlug,
wenn ich den Regler heimlich höher drehte.
Nur der eine Ofen. Türen zu. Bei 20 Grad sofort aus.
Die Schläge wehtaten weniger als die Kälte danach. Aber das war früher. Jetzt bin ich allein.
Die Öfen singen für mich. Die Wärme gehört mir.
Ich schlüpfe in meine Filzpantoffeln und öffne die Kellertür.
Kalte Luft schlägt mir entgegen, feuchter und erdiger als oben.
Der Geruch trifft mich sofort. Feuchter Kalk, altes Mauerwerk, ein Hauch von Heizöl aus dem Tank.
Nicht unangenehm. Einfach wie früher, als ich noch Kind war und heimlich hier runtergeschlichen bin.
Die Steintreppe führt steil hinunter.
Meine Filzpantoffeln machen fast kein Geräusch auf dem kalten Stein.
Die Glühbirne an der Decke schaukelt leicht.
40 Watt, gelbes Licht, genau wie damals.
Die Kühltruhe steht ganz hinten.
Die alte weiße Liebherr, die mein Vater 1987 gekauft hat und die immer noch brummt.
Ich klappe den Deckel auf. Sofort quillt dichter weißer Nebel heraus und der Motor brummt einmal lauter.
Ich nehme einen Beutel mit Erbsen und Möhren, einen Lachs im Bierteig und die letzten Kroketten.
Drei kalte Pakete, die zusammen fast zu schwer sind für eine Hand.
Der Deckel fällt mit einem satten Klacken wieder zu.
Oben angekommen schließe ich die Kellertür hinter mir.
Sofort umfängt mich die Wärme. Die Küche ist jetzt spürbar anders.
Das Thermometer zeigt schon 13 Grad.
Die Öfen singen voll und satt, die Hitze strahlt ab.
Die kalten Beutel in meinen Armen beginnen sofort zu tauen.
Kleine Tropfen Kondenswasser perlen auf dem Plastik, laufen mir über die Finger und tropfen auf die Dielen.
Ich schalte den alten Herd ein, denselben,
den meine Mutter 1983 gekauft hat.
Weiß emailliert mit den schwarzen Knöpfen, die immer ein bisschen klemmen.
Die Kochplatte beginnt sofort zu glühen, ein tiefes Rot.
Die Erbsen und Möhren kommen in den alten Emailletopf.
Das Eis knackt und zischt, als es auf das heiße Metall trifft.
Dampf steigt auf, warm und süßlich.
Und plötzlich, ohne Vorwarnung, bin ich wieder acht Jahre alt.
Ich sehe meine Mutter am selben Herd stehen, in ihrer geblümten Schürze, die Haare hochgesteckt.
„Erbsen und Möhren, das magst du doch, oder?“, fragt sie warm.
Genau wie die Luft, die damals aus dem Ölofen kam,
nur dass mein Vater immer nur einen Ofen anhatte und die Türen geschlossen hielt.
Ich durfte die Erbsen aus der Dose kippen
und sie hat mir immer heimlich ein paar rohe Möhrenstücke zugesteckt.
Ich lege den gefrorenen Lachs in die Pfanne.
Das Fett beginnt zu brutzeln. Und plötzlich bin ich zwölf. Samstagabend.
Mein Vater sitzt am Tisch, Zeitung in der Hand und schimpft leise über die Stromrechnung.
Meine Mutter brät genau diesen Lachs, damals frisch vom Markt, nicht tiefgekühlt,
und ich darf die Kroketten aus der Packung holen und auf das Blech legen.
„Nicht zu nah an den Rand, sonst fallen sie runter“, sagt sie lachend.
Ich stehe auf dem kleinen Holzschemel, den es immer noch gibt.
Er steht in der Ecke, sauber abgestellt.
Die Kroketten kommen ins Rohr. 17 Grad zeigt das Thermometer.
Der Duft füllt die Küche. Erbsen, Möhren, brutzelnder Fisch, knusprige Kroketten.
Ich bin nicht mehr der 40-jährige Anwalt.
Ich bin der Junge, der heimlich den Regler der Ölöfen höher dreht, wenn Vater nicht guckt.
Der Junge, der seiner Mutter beim Kochen zusieht und weiß, hier ist zu Hause.
Kaum sind Lachs und Gemüse fertig, stelle ich die Platten ab.
Bis die Kroketten fertig sind, habe ich genug Zeit, durchs Haus zu gehen und alle Fensterläden zu schließen.
Ich liebe es, wenn noch ein bisschen mehr Winter draußen bleiben muss. Erster Laden.
Das kleine Küchenfenster zur Hauptstraße.
Das Holz ist alt und schwer, der Anstrich vom letzten Sommer noch matt und dicht.
Ein sattes Knarren, dann das metallische Einrasten.
Draußen heult der Januarwind, Schnee prasselt gegen die Scheibe,
aber jetzt ist es nur noch ein fernes, gedämpftes Geräusch. Weiter in die Stube.
Zwei große Fenster. Die Läden quietschen hier lauter.
Ich habe sie im Herbst noch nicht geölt, obwohl der Rest des Hauses sitzt.
Das Feuer im Ofen sinkt tiefer.
Die Vorhänge fallen zurück und die Stube ist ein warmer, geschlossener Raum.
Kein Licht von der Straße mehr. Nur das orange Glühen der Ofentür und mein eigener Schatten an der Wand.
Die Treppe hoch. Im Schlafzimmer der große Laden zum Garten.
Er klemmt ein bisschen, wie immer.
Ich muss mich mit der Schulter dagegen lehnen, genau so, wie ich es als Kind schon getan habe.
Dann das kleine Badezimmerfenster.
Der letzte Laden ist winzig, aber er funktioniert noch immer.
Ich schließe ihn mit einem sanften Druck.
Die letzte Zugluft verschwindet. Ich nehme meine Tasche mit nach oben,
gehe durch die offene Tür in mein ehemaliges Kinderzimmer, das heute mein Arbeitsraum ist.
Auch hier schließe ich die Läden. Ich habe das Haus immer sehr gut in Schuss gehalten.
Im Sommer wird jedes Jahr gestrichen, Fenster eingestellt, wenn es nötig ist.
Und wie meinem Mercedes niemand die 300.000 Kilometer ansieht,
so fragt sich auch so mancher, wie dieses Haus so gepflegt erhalten blieb.
Ich lächle, als ich die Tasche auf meinen Schreibtisch neben den Laptop stelle,
denselben Tisch, an dem ich als Kind meine Hausaufgaben gemacht habe.
Das Haus ist jetzt komplett dicht.
Nicht perfekt, nie ganz dicht, die alten Ritzen atmen noch ein bisschen,
ein leises Pfeifen hier und da, ein kühler Hauch an den Fußleisten.
Aber genau das macht es vertraut.
Es fühlt sich an wie ein alter Mantel, den ich seit 40 Jahren trage.
Nicht neu, aber er passt.
Als ich mir mein Essen gerichtet habe und mich an den Tisch setze,
versinke ich in Erinnerungen an die Zeit vor 30 Jahren, als Vater noch Richter in Hannover war.
Die schönsten Tage waren die, an denen er nicht nach Hause kam.
Wenn er Überstunden machte oder bei einem Kollegen übernachtete, war das Haus leicht.
Meine Mutter summte in der Küche, die Öfen durften höher laufen,
die Türen blieben offen und es gab kein Zeitungsknallen auf den Hinterkopf.
Nur sie und ich und die Wärme.
Dann der Tag, als ich 15 war. Mein Vater war auf dem Heimweg am Steuer eingeschlafen.
Er hatte mit seinem Mercedes 190 D 2,5 einen Lastwagen gerammt.
Er hatte keine Chance gehabt. Und ich war glücklich. Der Schatten war weg.
Das Haus atmete zum ersten Mal frei.
Und dann, kaum dass ich 18 war, habe ich genau diesen Wagen gekauft.
Denselben Mercedes 190 D 2,5. Diesel. Dieselbe Farbe.
Nur 40.000 Kilometer. Meine Mutter hat nie gefragt, warum.
Sie hat nur genickt, als ich ihn vor die Tür gestellt habe.
Niemand hat es je verstanden. Aber ich schon.
Es war mein stiller Triumph. Ich habe den Schatten nicht vertrieben, ich habe ihn übernommen.
Ich fahre seinen Wagen. Ich heize sein Haus, wie er es hasste.
Ich lasse alle drei Öfen auf drei laufen.
Türen offen, 23 Grad. Ich bin der neue Herr im Haus.
Der Bissen Lachs schmilzt auf meiner Zunge.
Die Kroketten knuspern. Der Duft von Kindheit und Rebellion füllt die Küche.
Nach dem Essen spüle ich mein Geschirr und mache die Küche sauber.
Es ist jetzt halb neun. Alles ist im Zeitplan.
Ich gehe nach oben ins Bad. Der Ölofen aus dem Schlafzimmer hat auch hier schon für über 20 Grad gesorgt.
Trotzdem schalte ich den alten 2000-Watt-Radiator ein, den mit den Rippen, der hier seit 1990 steht.
Sofort steigt sein Geruch auf.
Heißes Metall und ein Hauch von Lack, wenn die Rippen zum ersten Mal seit Tagen warm werden.
Genau der Geruch, der immer da war, wenn ich als Kind hier reinkam.
Ich drehe den Wasserhahn auf. Das Rohr gurgelt kurz, dann rauscht das Wasser in die Wanne.
Erst kalt, dann schnell wärmer.
Der Strahl trifft auf das Emaille, füllt den Raum mit Dampf.
Ich schütte den Fichtennadelbadezusatz hinein.
Sofort steigt der Duft. Scharf, harzig, tiefgrün.
Die Wanne füllt sich langsam, das Wasser wird dunkelgrün und dampft.
Die Fensterläden sind zu. Draußen heult der Wind gegen das Haus, aber hier drinnen gibt es nur noch diesen Kokon.
Als ich mich ausziehe, meine Kleider in die eichene Wäschetruhe lege und in die Wanne steige,
treten mir Tränen in die Augen. Zuerst der rechte Fuß.
Das Wasser ist fast zu heiß, genau richtig.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Dann der linke Fuß.
Ich lasse mich langsam sinken.
Das heiße Wasser schließt sich um mich.
Der Dampf legt sich feucht auf mein Gesicht.
Die Tränen laufen still über meine Wangen und tropfen ins Wasser.
Ich habe es geschafft, mir das zu bewahren, was die meisten Menschen schon viel zu früh verlieren.
Die Öfen singen nur für mich. Das Wasser hält mich.
Der Fichtennadelduft füllt meine Lunge.
Das Haus von 1955 hält mich fest.
„Und wie könnte ich so etwas jemals abreißen?“, sage ich leise durch den Dampf.
Niemand kann verstehen, warum ich an diesem alten Haus festhalte.
Ich weiß es selbst nicht genau. Aber nur hier komme ich zur Ruhe.
Die alten Wände, die knarrenden Dielen, die singenden Ölöfen,
sie sind das Einzige, was mich je wirklich gehalten hat.
Als ich eine Stunde später im Bett liege, das früher das Bett meiner Eltern war, fühlt sich alles richtig an.
Der Tag ist da, wo er hingehört, hinter mir.
Die Ölöfen laufen auf Stufe 1 durch die Nacht.
Sie haben es all die Jahre bei mir im Winter getan.
Das volle Singen von vorhin ist jetzt ein leises, gleichmäßiges Atmen geworden.
Ein sanftes Gluckern und Summen weht durch die offenen Türen von Küche, Stube und Schlafzimmer herüber.
Die schwere Daunendecke liegt bis zum Kinn über mir.
Das Kopfteil aus dunklem Eichenholz knarrt leise, wenn ich mich bewege.
Die Matratze ist tief eingesunken von all den Nächten davor.
Die Laken riechen nach dem Haus, nach warmer Wolle und dem leichten Ölhauch.
Der Fichtennadelduft hat sich durchs ganze obere Stockwerk gezogen.
Harzig, grün, ein bisschen wie der Wald, in den ich als Kind immer wollte.
Morgen früh werde ich in den Keller gehen und frisches Öl aus dem Tank holen.
Aber das ist morgen. Jetzt, wo ich langsam in den Schlaf gleite, weiß ich, dass es nirgends schöner sein könnte.
Mein Körper ist schwer vom heißen Bad, die Muskeln weich, die Augenlider schon halb geschlossen.
Der Tag, München, die A7, der Schnee, das Gericht liegt hinter mir.
Die Wärme umschließt mich. Das Haus hält mich.
Der Schlaf kommt leise und warm.
Das Haus singt mich hinein.
Jockl & Friends
00:01:16
Ansage
00:01:36
Joachim Schulze
00:01:50